Coach trifft Philosoph - Teil 1

Über den Stolz

Gestern geriet ich zufällig in ein Gespräch, das mich nicht mehr losließ.
Auf der einen Seite des Salons: der Philosoph Friedrich – leidenschaftlich, fordernd. Auf der anderen: der Coach Carl – ruhig, zuhörend, präzise.

Friedrich:
„Der Mensch soll stolz sein! Nicht winseln nach Anerkennung, nicht kriechen vor Eltern oder Gesellschaft. Er soll sich selbst krönen, seine eigene Größe erschaffen. Werde, der du bist! – und dein Stolz wird dich tragen.“

Carl lächelt ruhig:
„Dein Pathos gefällt mir, Friedrich. Aber die Erfahrung im Coaching zeigt: Menschen können nicht einfach beschließen, stolz zu sein. Sie tragen Stimmen in sich, die Stolz verbieten – introjizierte Sätze wie ‚Sei bescheiden‘, ‚Du bist nicht genug‘. Bevor sie stolz sein können, müssen sie diese Stimmen wahrnehmen, akzeptieren, sich davon lösen.“

Friedrich schnaubt:
„Pah! Stimmen der Schwachen, der Herde! Man soll sie verachten und übersteigen. Der Übermensch wirft alte Ketten ab und setzt sich eigene Werte.“

Carl nickt, aber hebt den Finger:
„Doch genau das gelingt nur, wenn man spürt, wie diese Ketten wirken. Ohne Selbstwahrnehmung – keine Befreiung. Stolz ist kein Dekret, sondern ein Gefühl, das entsteht, wenn jemand seine Wirksamkeit erfährt. Ein kleines ‚Darauf bin ich stolz‘ – nicht als Pose, sondern als spürbare Erfahrung.“

Friedrich grinst schief:
„Du willst also, dass der Mensch in seinen Tränen und Schamgefühlen wühlt? Ist das nicht Schwäche?“

Carl:
„Es ist Voraussetzung für Stärke. Wer seine Scham verdrängt, bleibt von ihr bestimmt. Wer sie sieht und annimmt, kann frei entscheiden. Stolz ist dann nicht Abwehr, sondern Resonanz: ‚Ich habe etwas gewagt – und jetzt spüre ich mich.‘“

Friedrich mit verschmitztem Ton:
„Also willst du den Menschen erst durch den Morast seiner Kleinheit führen, bevor er aufrecht gehen darf?“

Carl:
„Genau. Durch Bewusstsein, Akzeptanz, Selbstverantwortung. Dann wächst Stolz als innere Erfahrung – und daraus Selbstachtung. Kein Maskenspiel, sondern gelebte Würde.“

Friedrich lehnt sich zurück, halb amüsiert:
„Gut, mein lieber Coach. Du gehst den Weg der kleinen Schritte, ich den Sprung. Vielleicht brauchen die Menschen beides: deinen behutsamen Spiegel – und meinen Donner, der sie aufrüttelt. Vielleicht braucht dein Weg den Schmerz, mein Weg den Mut.“

Carl lächelt:
„Auch mein Weg braucht den Mut – um sich der Angst zu stellen. Es bedarf Mut, um aufzustehen – und Bewusstsein, um zu wissen, wer da aufsteht.“

Eine Stille tritt ein. Nur das Feuer prasselt.

von Philipp Simanek

Mehr Artikel

Gestern geriet ich zufällig in ein Salongespräch. Ein Coach diskutierte mit einem Philosophen über Formen.
Es gibt es einen weitverbreiteten Irrglauben: Gute Führungstrainings führen zu guter Führung. So einfach ist das nicht.
Wir Menschen haben ein untrügliches Gespür für Zombiehaftigkeit. Aber wir haben uns auch angewöhnt, es zu ignorieren.
Was hat meine Erfahrung an einer Schleifmaschine mit Deep Work und geistiger Arbeit zu tun?